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Offline – Meine 24 Stunden ohne Smartphone

Offline – Meine 24 Stunden ohne Smartphone

Von Kaspar,  31.07.2015.


Dinge fehlen uns bekanntlich erst, wenn wir sie nicht mehr haben. Etwa, wenn man begreift, dass alte Wecker nerven, Kartenlesen eine echte Herausforderung ist und man immer etwas Kleingeld dabei haben sollte. Ein Selbstversuch.

Viel zu früh reisst mich ein viel zu schrilles Klingeln aus dem Schlaf. Meine müden Augen suchen nach der Quelle des Lärms. Ich entdecke einen Wecker auf dem Nachttisch und bringe ihn mit einem gezielten Schlag zum Schweigen. Während ich mir den Schlaf aus dem Gesicht reibe, fällt mir wieder ein, was das antike Stück auf meinem Nachttisch verloren hat. In einer flammenden Rede hatte ich mich vor Freunden für die «Entschleunigung der Gesellschaft» starkgemacht und unsere ständige Erreichbarkeit kritisiert. Um meine Argumente zu unterstreichen, behauptete ich voller Überzeugung, auch ohne Smartphone leben zu können. Das wurde in der Runde mit einem müden Lächeln und der Bemerkung quittiert, ich solle es doch mal einen Tag lang versuchen. Herausforderung angenommen! 24 Stunden digitaler Detox liegen vor mir.

Wecker
Karte

Strasse, wo bist du?

Da ich ausgerechnet heute Freunde ausserhalb meiner Heimatstadt besuchen will, macht sich die Smartphone-Abstinenz schnell bemerkbar. Als Person ohne natürliche Gabe zur Orientierung bin ich es gewohnt auf den Bildschirm starrend durch unbekannte Gegenden zu wandeln - mit vollstem Vertrauen in die Map meines Smartphones. Aufgeblickt wird nur, um nicht aus Versehen gegen einen Laternenpfahl zu knallen. Da ich heute auf den digitalen Helfer verzichten muss, versuche ich mir bereits vor Antritt der Reise auf einer analogen Landkarte den nötigen Überblick zu verschaffen. Halleluja! Nach einer gefühlten Ewigkeit habe ich mein Ziel entdeckt und mache mich auf den Weg zum Bahnhof.

Fahrplan? Kein Plan!

Anstatt wie üblich im Netz zu surfen, lasse ich meinen Blick durchs Tram schweifen und vertreibe mir die Zeit mit der Beobachtung meiner Mitfahrer. Als meine Blicke irritiert bis genervt erwidert werden, bin ich glücklicherweise an meiner Station angekommen. Wenige Minuten später stehe ich vor den grossen, gelben Fahrplänen, die ausser mir keine Menschenseele zu nutzen scheint. Etwas genervt denke ich daran, wie schnell die Suche nach dem richtigen Zug mit der App erledigt wäre. Nach der Lektüre von unzähligen Verbindungen in gefühlter Schriftgrösse 0,01 ist die richtige Abfahrtszeit gefunden.

Fahrplan
Buch

Dürrenmatt statt Facebook

Beflügelt von meinem Erfolg, flaniere ich zum Perron, um gerade noch die abfahrenden Waggons zu sehen. Eine Stunde Wartezeit liegt vor mir. Auf in den nächsten Park. In weiser Voraussicht habe ich ein Buch eingepackt. Jetzt sitz ich im Sonnenschein und lese Dürrenmatt, statt auf Facebook zu stöbern. Kann man durchaus machen. Die Wartezeit vergeht überraschend schnell und ehe ich mich versehe, sitze ich im Zug.

Ein Königreich für Kleingeld!

Nach einer Stunde Fahrt erreiche ich das mir weitgehend unbekannte St. Gallen. Obwohl ich den Weg mithilfe der Karte sauber geplant habe, bin ich schnell verloren in der Ostschweizer Stadt. Nachdem ich mehrere Personen nach dem Weg gefragt habe, ohne meinem Ziel auch nur stückweise näher gekommen zu sein, stehe ich unverhofft vor einer runden Glassäule. Ich brauche einen Moment, um zu realisieren, dass es eine Telefonkabine ist. Belustigt betrete ich die zylinderförmige Antiquität, krame nach Kleingeld und finde natürlich keines. Zonk! Mir bleibt nichts anderes übrig als am nächsten Kiosk einen Kaugummi zu kaufen, der sich in meinem Mund später als unappetitlichste Geschmackskombination seit Toast Hawaii entpuppen sollte. Kaugummi raus, Griff zum Hörer: Ich erreiche meinen Freund und bitte ihn mich abzuholen, damit die Odyssee ein Ende nimmt.

Telefon
Musik

Macht der Musik

Um mich nach der zermürbenden Reise und der kulinarischen Katastrophe wieder in Stimmung zu bringen, packe ich meinen Kofferplattenspieler aus. Das Gerät muss heute meine Musikbibliothek auf dem Smartphone ersetzen. Netter Nebeneffekt: Ich komme mit Menschen ins Gespräch, die mich – mit einer Mischung aus Belustigung und Interesse – auf meinen antiken Begleiter ansprechen.

Am Ende des Tages schaue ich auf eine abenteuerliche Zeit zurück. Für einmal nicht erreichbar zu sein, hat seinen Reiz. Jedoch muss die neu gewonnene Freizeit vorab in solide Planung investiert werden, um über die Runden zu kommen. Als ich im Bett das Nachtlicht ausschalte, frage ich mich, was meine Freunde wohl erlebt haben, während meiner digitalen Isolation. Eigentlich wollte ich den Dürrenmatt heute noch zu Ende lesen, beschliesse aber zu schlafen, um Energie zu tanken für morgen. Schliesslich erwartet mich wohl eine ganz schön lange Liste von verpassten Anrufen und unbeantworteten Nachrichten.