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The Serif TV: Wenn funktionale Gegenstände zum Design-Objekt werden

Ein Interview mit Jolanthe Kugler, Kuratorin im Vitra Design Museum in Weil am Rhein, über Designgeschichte, die Bouroullec-Brüder und wie The Serif von Samsung zu einem Einrichtungsgegenstand wurde.

The Serif zeigt im Ambient-Zustand eine helle Illustration, er steht in einem von Tageslicht durchfluteten Wohnzimmer. Auf der rechten Seite des Bildes sieht man die Kuratorin Jolanthe Kugler im Archiv des Vitra Museums stehen.

Zeitloses Design, kein hochglänzender Rahmen, stattdessen gedeckte Farben ohne technischen Schnickschnack: The Serif ist mehr als nur ein Fernseher. Von der Seite betrachtet erkennt man in seiner Form ein «I» mit Serifen. Elegant steht er auf schwarzen Standfüssen. Der von den französischen Designer-Brüdern Bouroullec entworfene The Serif hat das Potenzial zu einem Designobjekt zu werden.
Was macht einen funktionalen Gegenstand zu einem Sammlerstück und wie hat sich der Designbegriff in den letzten Jahren verändert? Wir haben mit Jolanthe Kruger, Kuratorin im Vitra Design Museum in Weil am Rhein, gesprochen.

Der Beruf des Designers im Wandel

Frau Kugler, wie hat sich der Beruf des Designers in den letzten Jahren verändert?

Design leitet sich vom italienischen Disegno (Zeichnung) ab und bedeutet ja einfach «Entwurf» oder «Formgebung», etwas, was die Menschheit seit jeher getan hat. Der Begriff wie wir ihn heute verwenden meint aber mehr: er bezeichnet einen Prozess des bewussten Gestaltens, von Dingen, von Produkten ebenso wie von Systemen, von Dienstleistungen oder von Marken. Als Beruf gibt es den Designer noch nicht so lange. Er ist ein Kind des 20. Jahrhunderts. Die berühmte Schule «Bauhaus», die in diesem Jahr ihren 100. Geburtstag feiert, hat massgeblich zur Definition dieses neuen Berufsbildes beigetragen. In der Nachkriegszeit verengte sich das Berufsbild allerdings sehr: der Designer wurde als jemand gesehen, der der Industrie zudient und ihr hilft, ihre Produkte zu optimieren und besser verkäuflich zu machen. Das hat bereits in den 1970er Jahren heftige Kritik hervorgerufen – allerdings ohne grössere Auswirkungen. Heute hingegen ändert sich das Berufsbild des Designer durch die technologischen Entwicklungen stark. Das klassische Industriedesign gibt es natürlich immer noch, aber für den Designer eröffnen sich auch ganz neue Berufsfelder, die das ganze Berufsbild auf den Kopf stellen. Seit der Jahrtausendwende definieren Designer ihre Rolle neu und weiten ihren Aktionsradius ständig weiter aus.

«Die Bouroullec Brüder hatten den Drang, dem Bild wieder einen Rahmen zu geben.»

The Serif steht in einem mit Tageslicht durchleuchteten Wohnzimmer und passt unaufdringlich gut zu seiner Umgebung.

Das haben die Bouroullec-Brüder mit ihrer Kollaboration mit Samsung auch getan: Obwohl sie selber keinen Fernseher besitzen, entwarfen sie für Samsung den The Serif. Was war hier Ihr erster Eindruck?

Fast jedes Wohnzimmer, das ich seit über 30 Jahren betrete, wird dominiert von einem schwarzen Loch. Das Design kann noch so elegant sein, ein Fernseher zieht die Aufmerksamkeit auf sich, und zwar auf unangenehme Art und Weise, solange er nicht läuft. Früher war der Fernseher noch eine Kiste, manchmal sogar eine schön gestaltete Kiste – man erinnere sich an den Algol von Richard Sapper und Marco Zanuso– heute ist es ein (fast) rahmenloser schwarzer Fleck, der sich von Hersteller zu Hersteller hauptsächlich durch seine Technologie, aber nicht durch sein Design unterscheidet.

Mit dem The Serif hingegen wurde der TV zum ersten Mal wieder zu einem Designobjekt, also einem bewusst gestalteten Ding mit einer eigenständigen ästhetische Sprache. Er kann auch im ausgeschalteten Zustand im Raum stehen, ohne die ganze Einrichtung oder das Wohlbefinden zu stören. Das ist eine starke Leistung und wirft die Frage auf: was ist der Fernseher? Mir scheint, die Bouroullec Brüder hatten den Drang, dem rahmenlos gewordenen Fernsehbild wieder einen Rahmen zu geben, der das künstliche Bild ins Verhältnis zur realen Welt setzt.

Gefällt er Ihnen?

Ich war ehrlicherweise beeindruckt vom Design. Den ganz kleinen mag ich besonders, er ist wie ein Bilderrahmen und passt ganz unauffällig ins Bücherregal. Im Ambientmodus zeigt der The Serif im ausgeschalteten Zustand sogar schöne Illustrationen – und wird damit tatsächlich zum Bild.

The Serif zeigt im Ambient-Zustand eine helle Illustration, die schön zum weichen Sessel neben ihm passt.

The Serif als Einrichtungsobjekt

Und trotzdem: Ein Fernseher ist ein funktionaler Gegenstand. Wann wird dieser bewusst zum Teil der Einrichtung?

Wenn der Gegenstand ganz eigenständig etwas vermittelt, z.B. wenn er über Schönheit etwas erzählt, über die Bedeutung eines Objekts, wenn das Objekt den Raum beeinflusst auf positive Art und Weise. Gewöhnliche Fernseher blieben erstaunlicherweise immer nur Gebrauchsobjekte. Klar hat sich jemand die Form überlegt, aber eher aus technologischen Gesichtspunkten, also möglichst grosse Flächen, Materialersparnis, schmale Rahmen, grosse Bilder.

Man kann den Fernseher wie einen Stuhl betrachten: Was erzählt er? Wie wiederspiegelt er unsere Kultur und Gesellschaft? Diese Fragen beantwortet The Serif auf eine andere Weise, als ein gewöhnlicher, rein funktionaler Gegenstand, der darüber vergisst, dass Design mehr ist als nur praktische Funktion: ein gut designter Gegenstand erfüllt natürlich seine Funktion auf bestmögliche Weise, er ist aber auch formal-ästhetisch ansprechend und besitzt darüber hinaus einen gewissen Symbolgehalt.

«Innovation heisst (...) Traditionen weiterzuführen.»

The Serif steht ohne Füsse auf einer Tischplatte und zeigt eine orangene Illustration, daneben ist eine gläserne blau-grüne Vase zu sehen, die einen Ast enthält, vor ihm liegt ein orangenes Buch.

Was macht die Arbeit der Bouroullec Brüder so einzigartig?

Es gibt hier einige Charakteristika, die die Brüder von anderen Designern unterscheiden. Seit sie in den 90ern angefangen haben für Cattelani und danach für Vitra zu arbeiten, waren ihre Objekte immer frisch, zeitgenössisch und modern. Sie strahlen eine Leichtigkeit aus, die aber nie oberflächlich wirkt. Es sind «heitere» Objekte, die ihre Funktion immer erfüllen und dabei äusserst gut aussehen.

Was ich am erstaunlichsten finde ist, dass, obwohl die Objekte immer zeitgenössisch sind, sie stets vertraut wirken. Sie sind eindeutig neu und von grosser Innovationskraft, aber brüskieren uns nicht. Innovation heisst ja nicht, ständig etwas Neues zu erfinden, sondern Traditionen weiterzuführen, das heisst die Errungenschaften der Vergangenheit auf ihre Tauglichkeit zu prüfen, zu übernehmen, was bereits perfekt ist, die Teile weiterzuentwickeln, die verbessert werden können oder bedingt durch neue Erkenntnisse verändert werden müssen.

Ihre Arbeit ist auch oft zart und poetisch, was auf sehr wenige Designer zutrifft. Ausserdem arbeitet man sehr gerne mit den Bouroullec Brüdern zusammen. Denn nicht nur das Produkt kommt schön heraus, sondern auch der Prozess und die Zusammenarbeit sind inspirierend, was sich auch immer im Endresultat spiegelt. Bei Vitra gehören sie zu den wichtigsten Designern.

«Ich bin hier, ich sehe gut aus, wenn du willst, kannst du mich anschauen!, ohne zwanghaft die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen»

Inwiefern spiegelt sich ihre Arbeit im The Serif wieder?

Sie haben ein technisches Gerät zu etwas gemacht, dass zwar Technik kann, aber nicht technisch aussieht. Es sieht schön aus und Schönheit ist ein Bedürfnis des Menschen. Wenn man zwei gleich leistungsstarke Fernseher hat, und einer davon auch noch schön aussieht dafür aber ein bisschen mehr kostet, greift man in der Regel zu dem schönen Objekt.

Design dient nicht nur dazu, ein funktionales Objekt zu entwickeln, sondern es vermittelt über das Objekt hinaus eine Botschaft, die an kulturelle Strömungen der Zeit anknüpft. Nur der technologische Nutzen reicht nicht aus. Darüber baut man keine Beziehung zum Objekt auf. Die Ausgewogenheit, Proportionen, alles was mit Ästhetik zu tun hat spielt hier eine tragende Rolle. Ästhetik heisst nicht nur Schönheit, es heisst viel mehr «Menschengerechtheit», da kommt es auf ganz Vieles an: auf’s Taktile, auf Geräusche, den Anblick, wie es den Raum verändert.

The Serif ist ein Produkt, das man gerne behält, also auch länger als die Technologie empfehlen würde. Es ist ein menschengerechtes Objekt, schön anzusehen, anzufassen, sozial verträglich. Er sagt: «Ich bin hier, ich sehe gut aus, wenn du willst, kannst du mich anschauen!», ohne zwanghaft die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Bescheiden, aber sehr gut gemacht, mit viel Selbstverständlichkeit und Understatement.

«Die Aufgabe von Designern ist mehr und mehr die Gestaltung der Welt von Morgen.»

Man sieht den the Serif einmal weiss, einmal schwarz, von der Seite abgebildet.

Was wünschen sie sich von Design in der Zukunft?

Definitiv davon wegzukommen, den Designer auf einen kleinen Bereich zu beschränken. Designer ist jemand, der gestaltet und die ganze Welt braucht Gestaltung. Es ist eine Form von Prozess und Projekt. Das ist ein längerfristiges Entwickeln einer Idee und setzt voraus, dass Designer Verantwortung übernehmen, einerseits aus Notwendigkeit aber auch aus Interesse. Dazu gehört die Nutzung eines Produkts mit ökologischen und ökonomischen Aspekten zusammenbringen, sowie auch soziale und nachhaltige Aspekten zu beachten. Die Aufgabe von Designern ist mehr und mehr die Gestaltung der Welt von Morgen.

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ZUM PRODUKT

Serif TV Schwarz

The Serif TV Blue

Serif TV weiss

The Serif TV White

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